Supplementary Material for: Paternalismus und Placebos: Die Herausforderung der ethischen Aufklärung in der Psychotherapie

Gesundheitsfachpersonen sind heutzutage sowohl aus rechtlicher als auch ethischer Sicht dazu verpflichtet, für jede medizinische Intervention die informierte Einwilligung ihrer Patienten einzuholen. Dementsprechend hat paternalistisches Vorgehen gegenüber Patienten in den meisten ethischen Richtlinien keinen Platz mehr. Was genau bedeutet aber informierte Einwilligung im Kontext der Psychotherapie? In Bezug auf die ethische Rechtfertigung von Psychotherapie könnte z.B. die Behauptung, dass Psychotherapie nichts anderes als Placebo sei, für die informierte Einwilligung zum Problem werden. Tatsächlich wurde seit der Entstehung der modernen Psychotherapie immer wieder kritisiert, sie sei Augenwischerei und ihre Wirkung gründe auf einem Placeboeffekt. Wir argumentieren, dass im gesamten Feld der Biomedizin nach wie vor konzeptuelle Unschärfen hinsichtlich der Begriffe «Placebo» und «Placeboeffekt» bestehen. Wir sind zudem überzeugt, dass der Begriff «Placebo» im Bereich der Psychotherapie mehr Fragen aufwirft als die Auseinandersetzung damit zu beantworten vermag. Nichtsdestotrotz sind wir sicher, dass die moralisch geführte Kerndebatte über Placebo im klinischen Kontext wichtige Themen berührt, die in den psychotherapeutischen Kontext überführt werden können, nämlich: Informieren Therapeuten ihre Patienten in adäquater Weise über die Wirkmechanismen von Psychotherapie? Legen sie die potenziellen Risiken unerwünschter Nebeneffekte offen? In Anbetracht der kontinuierlichen empirischen Psychotherapieforschung folgern wir, dass Therapeuten ihren Patienten die allgemeinen Wirkfaktoren der Psychotherapie, die maßgeblich den Veränderungsprozessen während der Behandlung unterliegen, nicht hinreichend transparent machen. Somit scheint uns, dass es in der psychotherapeutischen Praxis oft zu verstecktem und unangebrachtem Paternalismus kommt. Wir sind davon überzeugt, dass sich Paternalismus in der Psychotherapie auch beim Vorliegen guter Absichten nicht rechtfertigen lässt und dass eine adäquate Offenlegung der angenommenen Wirkfaktoren für den therapeutischen Prozess nützlich ist.